Kapitel III

Frühere Karmas

In Indien glauben fast alle Religionen und Gemeinschaften, nämlich Hindus, Jains, Buddhisten, Sikhs und andere, dass ein Mensch Schmerz oder Freude als Ergebnis seiner eigenen früheren Handlungen erfährt, und dass er die Konsequenzen der in seinem gegenwärtigen Leben durchgeführten Handlungen in der Zukunft trägt.

Juden, Christen und Mohammedaner glauben weder an die Seelenwanderung noch an das Gesetz des Karmas. Sie glauben, dass Gott der Schöpfer und der Herr des gesamten Universums ist. Genau wie ein Töpfer einen Topf nach seinem Willen herstellt oder beseitigt und der Topf in dieser Hinsicht nichts zu sagen hat, so ist es an Gott, seinen Geschöpfen entweder Erlösung zu gewähren oder sie alle in Unwissenheit zu lassen. Es ist auch ihr Glauben, dass Gott unabhängig ist und niemand das Recht oder die Macht hat, Seine Handlungen zu beeinträchtigen, noch dass irgendjemand über Seine Taten weiß. Diese Angelegenheiten sind jenseits des menschlichen Horizonts und sollten am besten in Ruhe gelassen werden.

Aber die Heiligen in Indien haben sehr klar die Vor- und Nachteile von dem Gesetz des Karmas aufgezeigt. Es ist eine Theorie von Ursache und Wirkung, welche durch das ganze Universum wirkt. Emerson und andere Philosophen, aber auch Professoren der Physik, nannten es das Gesetz der Kompensation.

Wie du säst, so wirst du ernten.

Was immer eine Person spricht, hat eine zweifache Auswirkung. Eine ist die Aktion und die andere ist die Reaktion. Die Reaktion hallt im und in der Nähe des Sprechers wider und bringt dieselbe Art von Gedankenströmen in seiner Umgebung hervor. So, welche Gedanken auch immer – tugendhaft oder verrucht – von ihm ausgehen, sie erzeugen ihren exakten Nachklang. Dies ist ein unverletzbares und unerbittliches Gesetz, welches sowohl in Zusammenhang mit belebten als auch unbelebten Dingen gleichermaßen eine Wirkung ausübt. Es kann nicht ausgelöscht werden.

Karma ist auch ein Vorgang des Ausarbeitens der eigenen Gut- und Lastschriften. Wenn wir von jemandem nehmen, müssen wir ihm im Gegenzug geben, und nach diesem Prinzip werden die Schicksals-Karmas gebildet; und durch diese können unsere Höhen und Tiefen im Leben erklärt werden. Freude und Schmerz, Armut und Reichtum, Krankheit und Gesundheit, Nehmen und Geben, sind alle das Ergebnis solcher Handlungen und müssen bezahlt werden. Wenn einer nicht in der Lage ist, in diesem Leben abzubezahlen, wird er dies in einem späteren Leben tun müssen.

Eine Person stirbt, aber die Schriftrolle seiner Handlungen löst sich nicht auf. Das Konto aller solcher Taten ist der Seele aufgeprägt, welche nach dem Tod noch in einen Astralkörper gehüllt ist. Die Seele verlässt den Körper beim Tod, aber die Konten verbleiben bei ihr, bis sie gelöscht werden.

In der hinduistischen Philosophie ist dies als Awagawan oder Ghaurasi bekannt, was das Kommen und Gehen in die 84 Lakh1 Arten des Lebens bedeutet. Die Mohammedaner nennen es Tanasukh. Sants aller Gemeinschaften haben das Prinzip der Seelenwanderung angenommen und gepredigt.

Shamaz-i-Tabrez, ein Moslem-Heiliger, sagt:

Ich bin etliche Male als ein Grashalm gewachsen, und ich habe die 84 Seiten des Lebens gesehen.

Shamaz-i-Tabrez sagt auch:

Wir leben in diesem Universum, und in verschiedenen Geburten tragen wir verschiedene Gewänder. Manchmal kommen wir in einer Art und manchmal in einer anderen, aber wir sind alle ein Teil des Schöpfers. Mit anderen Worten, wir kamen in diese Welt und wir verließen diese Welt hunderte und tausende Male, weil dieses Universum eine Werkstatt mit Ausgängen und Eingängen ist.

Wiederum:

O Mensch, abgesehen von meinen jetzigen Eltern, hatte ich neun Väter und habe vierzehn Mütter gesehen. Ich habe mich auch glücklich gesehen in der Hingabe an meinen Herrn. Selbst jetzt bin ich von meiner Wahren Wohnstatt entflogen. O meine Söhne, ich habe im siebten Himmel gelebt mit Göttern für viele Zeitalter. Wenn ich dir die ganze Geschichte meiner Geburten und Tode erzählen sollte, würde ich sagen, dass ich in 70 verschiedenen Arten erschienen bin. Und wenn du von mir die Geschichte meiner früheren Leben erfragtest, dann würde ich sagen, dass ich einige Male als Gemüse gewachsen bin.

Ferner:

Seelenwanderung ist einfach das Kommen der Seele in verschiedenen Arten, um sie zu befähigen, die ihr zugeteilte Aufgabe entsprechend ihres eigenen Karmas zu erfüllen. Die Seele entsteht aus dem großen Ozean des Lebens und kehrt zu ihm zurück. Sie ist ein Tropfen aus diesem Ozean und nimmt eine menschliche Gestalt an, danach geht sie zurück und geht auf in ihrer Ursprünglichen Heimat. 

Maulana Rumi sagt:

Die Negative Kraft hat ein enormes Netz der Seelenwanderung geschaffen, welches um die drei Gunas gewoben ist, und in diesem Netz spielen Aktionen mit ihren Reaktionen eine sehr große Rolle.

Tulsi Das sagt:

Wie die Handlung ist, so ist die Belohnung.

Wir sind alle nach unten durch unser Schicksals-Karma gebunden. Viele Menschen sind gut, und sie führen gute Taten aus, aufgrund ihrer Schicksals-Karmas. Andere sind schlecht und führen aufgrund ihres Schicksals-Karmas schlechte Handlungen aus. Sie alle sind machtlos, es anders zu tun. Selbst wenn ihnen eine Gelegenheit, eine gute Tat zu vollbringen, entgegenkommt, ignorieren sie es. Sie fühlen nicht die Notwendigkeit des Meisters und des Herrn.

Satsang ist für den Spirituellen Fortschritt unerlässlich. Gute wie schlechte Menschen werden durch den Satsang beeinflusst und machen durch ihn Fortschritte, jeder entsprechend der in ihm vorherrschenden drei Gunas – Eigenschaften.

Keine Art unterhalb der menschlichen Form ist frei zu handeln. Aber die Menschen haben die Freiheit im Einklang mit ihren Schicksals-Karmas zu handeln. Sie können daher zu einem gewissen Ausmaß von der Kraft der Freiheit des Handelns Vorteil nehmen.

Aber es stellt sich die Frage, inwieweit man es tun kann? Indem wir den Satsang besuchen und indem wir seine Lehren vollständig aufnehmen, sind wir in der Lage, Freiheit von einigen unserer Karmas zu erlangen. Allerdings sind die Fesseln unserer Karmas, oder die Ergebnisse unserer eigenen Handlungen, sehr stark. Auch Inkarnationen – Götter und Göttinnen – sind nicht frei von ihnen.

Das Gesetz der Seelenwanderung ist unwiderruflich, und die Ergebnisse guter oder schlechter Handlungen werden sogar von Brahma selbst getragen.

In der Zeit von Kabir Sahib, dem Großen Weisen, wusste Ramanand, der sich all seiner früheren Leben bewusst war, dass er, da er in einem früheren Leben ein Kaninchen auf seinen Speer aufgespießt und es eine Entfernung geschleppt hatte, für diese Tat in seinem jetzigen Leben zahlen musste. So geschah es, dass dasselbe Kaninchen als ein Mensch zurück in diese Welt kam und zu dieser Zeit ein Minister des Königs war. Wann immer Ramanand an die schlimmen Folgen seiner früheren Handlung dachte, zitterte er und wurde unglücklich.

Eines Tages fragte Kabir Sahib Ramanand nach dem Grund für seine Qual. Ramanand schüttete dann sein Herz aus und erzählte die ganze Geschichte des früheren Lebens, ebenso wie die Tatsache, dass er sterben würde, indem er auf den Speer des Ministers aufgespießt und durch die Straßen geschleift werden würde, bis zum letzten Atemzug seines Lebens. Kabir Sahib versicherte Ramanand, dass Er ihm helfen würde und ging dann zum Haus des Ministers und blieb wartend draußen an seinem Tor.

Eines Tages fragte der Minister Kabir nach dem Grund, warum er dort Tag für Tag hockte, und Kabir Sahib erzählte ihm die ganze Geschichte. Der Minister war auch eine entwickelte Seele und wusste von diesem Vorfall in einem früheren Leben. Er versicherte Kabir Sahib, dass, obwohl es ihm nicht möglich war, Ramanand die Strafe des Todes zu erlassen, er ihn nicht schleifen würde.

Als Ramanand dies gesagt wurde, stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus.

Die Geschichte berichtet uns, dass zu gegebener Zeit das Land von Sikandar Lodi überfallen wurde, und während Ramanand an seinem Fenster saß, wurde er vom Minister während des Angriffs auf die Stadt tödlich getroffen. Das Prinzip des karmischen Gesetzes oder Aktion und Reaktion, wurde im Adi Granth Sahib hinsichtlich der Pralabdh oder Schicksals-Karmas beschrieben.

Es ist gesagt worden, dass wir alle hilflos angesichts unserer Schicksals-Karmas sind. Was immer ein Mensch als Ergebnis seines Pralabdh macht, tut er unter dem Einfluss seines Schicksals-Karmas. So ist das unwiderrufliche Gesetz der Negativen Kraft.

Der Mensch führt solche Handlungen aus, wie sie ihm auf die Stirn geprägt sind, als Folge seiner Handlungen in früheren Leben, und er kann ihnen nicht ausweichen.

Adi Granth, Maru 5, 1102-17

Guru Amar Das Ji sagte auch:

[…], dass Gott Selbst Seine Geschöpfe in vorbestimmte Pfade des Karmas (Früchte der vorherigen Handlungen) zwingt, über die sie keine Kontrolle haben und die nicht beseitigt werden können. Was auch immer dazu bestimmt ist, stattzufinden, muss stattfinden.

Adi Granth, Sorath 3, 601-9

Wir müssen bestimmten Leuten begegnen, wir müssen uns von anderen lösen. Dieses Begegnen und Lösen ist auch im Einklang mit dem Gesetz des Karmas. Auf dieser Grundlage werden die Funktionen in und von dieser Welt durchgeführt.

Adi Granth, Jap Ji, 6-19

Es ist auch eine Folge der früheren Handlungen, dass wir uns als Menschen oder als niedere Arten verkörpern. All dies, sowie unser Begegnen und Lösen, steht im Einklang mit unseren Schicksals-Karmas. Was auch immer bestimmt wurde, wird von uns durchgeführt werden. Aber vom Satsang erhalten wir Trost und Nahrung. Wir treffen einen Meister nur, wenn wir dazu bestimmt sind. Es ist durch Seine edle Gesellschaft allein, dass wir das Elixier von Naam erhalten und die Gottverwirklichung erreichen.

Unser Inneres Auge ist geschlossen, und wir haben uns hinter hohen und dicken Mauern eingesperrt. Wir unterwerfen uns dem Diktat unseres eigenen Gemütes, anstatt dem Rat der Sants. Wenn wir dazu bestimmt sind, einen Meister zu treffen, begegnen wir Ihm, ergeben uns Ihm und folgen Seinem Pfad. Wir wiederholen die Heiligen Namen und wir lieben Ihn. Als Ergebnis sehen wir das Licht von Naam im Innern.

Wenn deine Schicksals-Karmas die Begegnung mit einem Meister begründen, dann allein treffen wir Ihn, und dem Pfad folgend, beten wir zu Seinen Füßen und erhalten mehr Verdienste als auf dem Pilgerweg der 68 heiligen Stätten.

Adi Granth, Mah 1, 147-13

Wenn man in einem Haus ist, das in Flammen steht, wird man zuerst an den schnellsten Weg denken, um aus ihm herauszukommen, bevor man fragt, wer das Haus in Brand gesetzt hat und wann es in Brand gesetzt wurde. Die Antworten auf diese Fragen können ermittelt werden, nachdem man aus dem brennenden Haus entkommen ist. In der gleichen Weise können wir die Antworten auf diese Fragen finden, nachdem wir unser Ziel erreicht haben. Der einzige Gedanke, der uns zurzeit einnehmen sollte, ist, wie diese Knechtschaft und Bindung zu beenden ist.

Warum sollten wir dann fragen: ‚Warum besteht dieser Pfad? Warum besteht dieses Ziel? Wie und wann wurden dieses Ziel und dieser Weg geschaffen?‘

All dies wird automatisch gelöst werden, wenn wir unsere Bestimmung erreichen. Derzeit ist die einzig mögliche Antwort auf all diese Fragen, die im Kopf aufkommen, dass Gott all dies aus Seinem eigenen freien Willen heraus schuf.

Was auch immer für Handlungen von den Seelen durchgeführt werden, die in die Regionen der Auflösung gesandt wurden, deren Früchte werden ihr Schicksal bilden, in unauslöschlichen Buchstaben mit dem Stift unseres Herrn Gottes geschrieben. Und durch dieses Schicksal sind die Seelen, welche in die oberen oder unteren Regionen der Auflösung gesandt wurden und dann zu den Höchsten Regionen durch die Gnade Gottes aufgestiegen sind, den Seelen überlegen, welche in den oberen Regionen wohnen.

Die Schriften der Muslime und der Christen haben dargelegt, dass Gott den Menschen geschaffen hat, allen Göttern und Göttinnen überlegen, welche sich vor ihm verneigen müssen. Dies ist ein Zugeständnis, das Er den Seelen gewährte, die von Ihm in die menschliche Form verfallen sind.

Die Handlung ist in den Händen desjenigen, der sie ausführt, aber die Gnade und der Segen Gottes sind das Recht von nur wenigen, das nur durch Seine Barmherzigkeit erlangt wird. Es ist zweifellos wahr, dass die Menschen die Freiheit des Handelns zu einem gewissen Ausmaß haben, aber der Schlüssel für solche Handlungen ist in Seinen Händen. Und so lange wir nicht Seine Gnade haben, haben wir armen Sterblichen keine Kraft, irgendetwas zu erreichen, um so weniger Ihn zu erkennen.

Daraus folgt, dass der Schöpfer und die Wurzel aller Handlungen Gott Selbst ist, und Er kann nicht durch unsere eigenen Anstrengungen allein erkannt werden. Wir können Ihn nur in uns selbst erkennen, durch die Gnade eines Meisters. Korn wird gemahlen, wenn es zwischen die zwei Teile eines Mahlsteins gelangt, außer die wenigen Körner, die in den Hauptschaft fallen, und somit davor bewahrt werden, zu Mehl vermahlen zu werden. Ebenso werden wir aus dem Kreislauf von Geburten und Toden gerettet, wenn wir an Gott festhalten und uns Seiner Gnade und Seines Segens erfreuen. 

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Fußnote: Für weitere Informationen siehe das Buch ‚Karma – Das Rad des Lebens‘ von Kirpal Singh.

1) Lakh ist eine Maßeinheit im indischen Zahlensystem und entspricht der Zahl 100 000.