Der Einfluss der Liebe

Die Liebe selbst ist der Anfang und das Ende. Sie ist eine reine Aussendung von Gottes Strömung, welche in das Herz eines reinen Menschen eintritt und ihren Einfluss rundherum ausbreitet, somit reinigt sie das ganze Gebiet. Das Herz eines Liebenden ist rein, und zur gleichen Zeit können diejenigen, welche die Gelegenheit haben, ihn zu treffen, seinem reinigenden Einfluss nicht entkommen. Wenn einer auf solch reine Seelen stößt, wird sein Herz so stark beeinflusst, dass er fühlt, als sei die Reinheit in ihn eingetreten von Kopf bis Fuß.

Liebe ist kein weltlicher Stoff. Sie ist göttlich. Wenn du zwei Herzen siehst, die ihre bloße Existenz am Altar der Liebe opfern, solltest du verstehen, dass sie Gefäße sind, gefüllt mit Göttlichem Einfluss. Durch ihre bloße Berührung werden selbst verdorrte Herzen frisch und sind erneuert. Du kannst es nicht verbergen.

Selbst wenn die Zunge nicht spricht, die Augen enthüllen es, durch die Tränen, die sie füllen.

Kabir sagt:

Gib Dir Mühe, die Liebe zu verbergen. Aber sie kann nicht verheimlicht werden, wenn sie einmal einen Menschen ergriffen hat. Auch wenn man nicht über sie spricht, die Augen offenbaren es.

Der erfrischende Regen kommt vom Himmel, aber wenn sich die Augen zweier Liebender treffen, werden sie überflutet mit Tränen der Liebe. Es braucht Zeit für einen Swanti-Tropfen1 sich in eine Perle zu verwandeln, aber das Wasser, das aus lebenden Augen rinnt, fließt wie eine Kette glänzender Perlen. Die Trockenheit im Inneren wird entfernt und das gesamte Wesen wird erfrischt von Kopf bis Fuß.

So wie Milch und Wasser eins werden, wenn sie vermischt werden, mischen sich die beiden liebenden Herzen in Göttlicher Vereinigung mit dem Wasser der Liebe. Es ist dann schwierig für sie, getrennte Wesen zu sein. Liebe ist wahr. Sie enthält keinen Betrug und keine Oberflächlichkeit. Unter ihrem Einfluss kommend vereinigen sich zwei Herzen in solch einer Weise, dass man keinen Unterschied zwischen ihnen erkennen kann. Dann ist man nicht fähig herauszufinden, wer der Schüler ist und wer der Meister, wer der Liebende ist und wer der Geliebte. Der Vorhang der Dualität wird entfernt. Der Liebende und der Geliebte werden Eins.

Du bist ich, ich bin du. Du bist Körper, ich bin das Leben. Lass niemanden hiernach sagen, dass ich und du anders sind.

Wenn ich der Körper bin, bist du das Leben. Wenn ich das Leben bin, bist du der Körper. Du hast mir dein Herz hingegeben. Ich habe dir mein Herz hingegeben. Zwei Körper haben jetzt ein Leben und ein Gefühl. Das ist das Ideal der Liebe. Wie kann es eine dritte Person realisieren!

Die Liebe ist ein Schwert, durch welches sich zwei Liebende zu einem verbinden. (Normalerweise schneidet ein Schwert eins in zwei, aber das Schwert der Liebe vereint zwei in eins.) Der Liebende verehrt den Geliebten in solchem Ausmaße, dass er zu seinem Selbst wird. Es wird gesagt, dass Radha so tief in ihre Liebe vertieft war, dass sie sich als Lord Krishna betrachtete. In diesem Zustand der Verzückung würde sie ihre Freunde fragen, ob sie Radha irgendwo gesehen hätten. Diese Art von Vereinigung wurde auch von Bulleh Shah als eine Eigenschaft von ,Heerʽ beschrieben.

Ich habe gerufen, ,Ranja, Ranjaʻ und ich bin Ranja geworden. Bitte nenn mich nicht mehr ,Heerʽ, weil ich jetzt Ranja bin.

Dadu sagt:

Wirkliche Liebe ist die, in welcher ein Liebender sich selbst in den Geliebten verwandelt, und auf solch Liebende gießt sogar Gott Seine Gnade.

Wenn Liebe diesen Zustand im Herzen von einem hervorbringt, braucht er keine Meditation, kein Gebet oder irgendeine Spirituelle Anstrengung, denn Liebe ist die Wirkliche Meditation, ist das Wirkliche Gebet, ist die Wirkliche Vereinigung. Ein Wahrer Liebender ist ein Wirklich Glaubender an die Einheit Gottes und ist ein Wahrer Kenner des Juwels Seiner Nicht-Dualität. Aber das vermittelt nicht die richtige Bedeutung. Tatsächlich wird er selbst zur Verkörperung Seiner Eigenschaften.

Wahre Vereinigung und die auf einen Punkt ausgerichtete Aufmerksamkeit kommen nur mit Liebe. Der Spirituelle Fortschritt, der durch die Meditation über eine Reihe von Jahren erreicht wird, kann in einem Moment erhalten werden durch die Liebe, denn die Vereinigung der Inneren Sicht führt den Liebenden sofort zum Ziel. Das ist Wirkliche Liebe und das ist Wahres Yoga. In der Tat, dies ist das Ein und Alles. Dies sollte unsere Absicht sein. Dies sollte unser Ziel sein, und dies sollte unser Fasten, unsere Gebete, unsere Meditation und alles andere sein. Du solltest also das Licht der Liebe entzünden in dir und die Spuren der Wiederholung von Mantras, des Leistens von Entbehrungen usw. verbrennen.

Der Wert des Lebens eines Menschen wird stark erhöht durch die Liebe, denn der Einfluss der Liebe ist einzigartig. Sie hebt einen Menschen von dem Zustand, ein bloßes Nichts zu sein, zu den himmlischen Höhen.

Maulana Rumi sagt:

Mit Liebe werden sogar bittere Dinge süß, Messing verwandelt sich in Gold und alles, was verschmutzt ist, wird sauber. Mit dem Schmerz der Liebe im Herzen wird die Liebe selbst zum Heilmittel dafür. Dornen bereiten dann dieselbe Freude und verleihen denselben Duft wie es schöne Blumen tun würden.

Unter dem Einfluss der Liebe verwandelt sich sogar das mürrische Temperament, welches so sauer ist wie Essig, in ein süßes Rauschmittel wie das des Weines. Menschen werden so geschmeidig wie Öl, so weich wie Wachs, selbst wenn sie so hart wie Eisen wären.

Durch Liebe wird Gift zu Nektar und ein Tiger verwandelt sich zu einer harmlosen Maus. Krankheit verwandelt sich in einen Segen und Tyrannei in Gnade. Die Toten werden sogar zum Leben erweckt, und Könige werden zu Sklaven durch die Liebe.

Liebe ist ein starkes Licht, welches uns den Weg der Spiritualität zeigt. Ein Mensch ist blind ohne Liebe. Er ist auch leblos, und ein toter Körper ist nichts anderes als Nahrung für Tiere.

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Fußnote: 1) Swanti oder Swati ist der Stern Arktur oder Arcturus, der hellste Stern des nördlichen Sternenhimmels. Er befindet sich im Sternbild Bärenhüter, auch Bootes genannt. Übersetzt bedeutet Swa(n)ti „der erste reine Regentropfen“.

In der vedischen Astrologie ist Swati Nakshatra eins der 27 Mondhäuser, welches dem Stern Swa(n)ti, dem Arcturus, zugeordnet ist.*

* Die vedische Astrologie – genau wie jede andere Form der Astrologie – gehört den niederen Welten an und ist letzlich einer der Pfade von Kal – siehe hierzu im Anurag Sagar in der Edition von Bhai Jamal den Abschnitt „Kurambh Doot“ in den Veranschaulichungen zu „Die Merkmale der vier Boten“ URL: http://www.santmat-diewahrheit.de/anurag-sagar-580/buch_anurag_sagar_de_04_02_01.html

Alten indischen Überlieferungen zufolge öffnen sich die Austern an Tagen, in welchen der Mond im Swati Nakshatra steht, um die ersten Regentropfen zu trinken, aus denen dann Perlen entstehen.

Das Sinnbild des Swanti-Tropfens wird hier lediglich zur Verdeutlichung verwendet, um zu zeigen, dass die Entstehung einer Perle in der Auster Zeit benötigt, während sich die Tränen der Wahren Sehnsucht nach dem Allmächtigen sofort in Perlen verwandeln.

Die Tränen, welche aus solcher Sehnsucht entstehen, sind nämlich die Perlen, welche der Hansa  – ein mythologischer Schwanes, der als Sinnbild für die befreite Seele steht – isst.

Hafiz sagt:

Du solltest Tränen von Perlen aus deinen feuchten Augen vergießen. Vielleicht wird Er, in der Form eines Schwans, von dir gefangen sein, wenn dieser Schwan versucht ist, zu dir zu kommen, um diese Perlen zu essen.

Maulana Rumi sagt:

Ich wünsche, dass ich so sehr in meiner Sehnsucht den Herrn zu treffen geweint hätte, dass die Tränen aus meinen Augen zu einem Fluss angeschwollen wären, und dass jede Träne sich in eine Spirituelle Perle gewandelt hätte. Dann hätte ich all diese Perlen vor den Altar meines Geliebten gelegt.

Übersetzung aus:

Gurumat Sidhant (Fifth Edition, 1967) –
Part I, Chapter XII: Bireh – Intense Longing,
von Kirpal Singh, 1894–1974

[…] Durch ausgiebige Tränen können wir die Eindrücke der Zeitalter, die im Schoß des Gemüts liegen, rauswaschen. Maulana Rumi erzählt uns, dass die Pilgerreise zur Kaaba nur über den Seeweg,  nicht über Land möglich ist. So kann Gott nur durch perlenartige Tränen, welche die Wange hinunterlaufen, erreicht werden. […]


Übersetzung aus:
 Satsang – Search for Truth,
 von Kirpal Singh, 1894–1974