Kapitel X

Merkmale, um einen Wahren Meister zu erkennen

Beurteile einen Meister nicht nach Seiner äußeren Erscheinung, nach Seiner Abstammung, reicher oder dürftiger Kleidung, nach dem Land, aus dem Er kommt oder danach, wie Er spricht, geht, isst, noch nach der Stellung, die Er innehat, der Zahl der Bücher, deren Autor Er ist oder was die Leute über Ihn sagen. Empfangt erst die Innere Erfahrung, die Er verspricht und dann urteilt von diesem erhobenen Standpunkt aus. Selbst-Erfahrung ist das Kriterium zur Beurteilung eines Wahren Meisters.

Ein Mensch, Der die Dinge von der Höhe aus sieht – den Menschen und seine Verwirrungen, Schwierigkeiten und seine Hilflosigkeit – und die der Menschheit entgegentretenden Probleme studiert hat und deren Auflösung zustande bringen kann, Der fähig ist, den Menschen sichtbar oder unsichtbar zu korrigieren und zu führen, moralisch und spirituell, theoretisch ebenso gut als auch praktisch, Der ist die geeignete Persönlichkeit, um die verantwortungsvolle Stellung eines Meisters einzunehmen. Gesegnet sind diejenigen, welche ein erregendes Glücksgefühl und eine Sehnsucht in ihrem Herzen empfinden, wenn sie die Kunde vernehmen, dass ein solcher Meister existiert und nahe ist.

Spiritualität ist eine einfachere und leichtere Wissenschaft als all die anderen. Der Mensch braucht sich nicht anzustrengen, außer beim eigenen ethischen und moralischen Umformen zu dem Höhepunkt der Liebe, Aufrichtigkeit und Demut, welche den notwendigen Zustand der Empfänglichkeit in ihm bewirken. Alles weitere liegt in den Händen des Meisters. *Spiritualität sollte außerdem nicht nach der Zahl der Anhänger, die einer hat, beurteilt werden. Ein guter Redner kann überall Menschenmengen anziehen, es braucht deshalb nicht irgendetwas Wesentliches oder Überzeugendes in seiner Rede zu sein. Spiritualität ist nicht das ausschließliche Besitztum irgendeiner Familie oder eines Ortes, sondern sie ist wie eine duftende Blume, die dort wächst, wo immer die Natur es bestimmt hat, um welche sich die Bienen von nah und fern sammeln, um ihren Nektar zu nippen.

* (Die Übersetzung dieses Abschnitts ist an die
englischsprachige originale Tonbandaufnahme angeglichen;
Anm. d. Redaktion, 2011)

Meister fragen nicht nach der Verherrlichung Ihrer Persönlichkeit, obgleich Sie sicherlich Ruhm verdienen.

Auch bei alltäglichen Gesprächen kann man Sie sagen hören:

O, es ist alles nur durch die Gnade meines Meisters. Es ist nichts durch mein Tun. Meinem Meister gebührt Lob und Preis.

Diese Demut stellt Sie weit über die niedere Selbstsucht, die man in dieser Welt findet. Meister kamen in allen Zeitaltern, um den Menschen diese Natürliche Wissenschaft zu bringen.

Nur diejenigen, welche mit der Welt unzufrieden sind, suchen bei Ihren Zuflucht; andere, welche die weltlichen Attraktionen, Vergnügungen und Luxus teuer sind, wenden sich ab.

Solche Menschen, in deren Herzen alle edlen Gefühle tot sind, stellen den Meistern nicht nur alle möglichen Hindernisse in den Weg, sondern unterwerfen Sie auch vielerlei Arten von Qualen, wie das Studium der Leben von Jesus, Guru Nanak, Kabir und vieler anderer zeigt.

So kamen Meister in der Vergangenheit, existieren heute und Sie werden in Zukunft zum Spirituellen Nutzen der Menschheit kommen. Zu vermuten oder anzunehmen, dass die Spiritualität ausgelöscht, oder nach dem Leben eines gewissen Meisters abgeschlossen sei und dass die Heiligen Bücher nun die einzige Führung seien, zeigt die Gedankenlosigkeit der Menschen.

Wie können wir zwischen einem Wirklichen und einem falschen Meister unterscheiden?

erhebt sich die Frage.

Es gibt tatsächlich keinen solchen Prüfstein oder eine magische Formel, um Recht von Unrecht, Wahrheit von Falschheit und Wirklichkeit von Unwirklichkeit zu unterscheiden, es sei denn, die eigene Erfahrung.

Sogar zur Zeit von König Janaka, dem Vater der Sita im Ramayana, der bereit war, eine hohe Belohnung für die theoretische Unterweisung in dieser Wissenschaft zu bezahlen, war von allen Rishis, Yogis und Munis in Indien nur einer – Yaggavalkya – imstande, diese zu geben und den Preis zu erlangen.

Yaggavalkya hatte den moralischen Mut, zu Janaka zu sagen:

Ich kenne nur die theoretische Seite, habe jedoch keine persönliche Erfahrung davon.

Bei einer zweiten Gelegenheit proklamierte König Janaka, dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt eine praktische Erfahrung von dieser Wissenschaft wünscht, und das während einer sehr kurzen Zeitspanne, die die Zeit, die man braucht, um ein Pferd zu satteln und jeden Fuß in den entsprechenden Steigbügel zu stellen, nicht überschreiten durfte. Große Spiritualisten aus ganz Indien wurden eingeladen, aber zur festgesetzten Zeit trat nur ein Einziger vor, um die Aufforderung anzunehmen. Es war ein Buckliger mit Namen Astavakra, Der viele Höcker und Verkrüppelungen an Seinem Körper hatte. Das Publikum lachte laut bei Seinem Erscheinen und hielt Ihn für einen Wahnsinnigen.

Astavakra sagte zu Janaka:

Wie kannst Du erwarten von diesen Stümpern eine Spirituelle Erfahrung zu erlangen, wo sie nur Augen für die Hülle und den Körper haben, aber nicht im Inneren sehen können?

Innerhalb der festgesetzten Zeit wurde dem König die Richtige Erfahrung gegeben.

Der zu bedenkende Punkt ist, dass zu der Zeit, als die Spiritualität gedieh, nur ein einziger vortrat, um der Aufforderung nachzukommen.

In diesen Zeiten des wachsenden Materialismus finden wir nicht Kompetente Meister, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Wir müssen deshalb suchen und dürfen der falschen Propaganda, dem Zeugnis anderer, blindem Glauben, dem Versprechen künftiger Glückseligkeit und unserer Rücksicht auf Stellung, Reichtum und Vergnügen nicht erlauben, uns irre zu führen.

Blinder Glaube ist eines von den Haupthindernissen, welche zu überwinden sind. Wenn wir etwas hören oder lesen und es befolgen, ohne nachzuforschen, wozu es ist und wohin es führt, so ist das blinder Glaube. Wenn einer so unachtsam ist, das Ziel zu vergessen, während er sich der Mittel bedient, so ist auch das noch blinder Glaube.

Wenn einer zum Meister kommt und aufmerksam die Erklärung hört, die Er in Bezug auf das Erreichen der Selbst-Erkenntnis durch die Selbst-Analyse gibt, welche sich auf eines oder mehrere Zitate wertvoller Aussprüche verschiedener Heiliger stützten, dann ist er intellektuell davon überzeugt, den Weg so wie ein Experiment glücklich aufgenommen zu haben und handelt zunächst vertrauensvoll nach dem, was der Meister sagt. Dies ist die erste Stufe, um über die Wirklichkeit etwas zu erfahren.

Sobald er eine Erfahrung aus erster Hand hat – so gering sie auch sein mag – ist er überzeugt und schreitet von Tag zu Tag fort. Heutzutage hört der Mensch Gespräche, Vorträge und Predigten, akzeptiert und glaubt diese sein ganzes Leben und nimmt es als erwiesen hin, dass er dadurch fest auf den Weg der Erlösung gestellt ist. Erst wenn der Tod mit all seinem Leiden, seinem Trennungsschmerz und der Furcht vor dem Unbekannten kommt, erkennt er seinen Irrtum.

Dieser unabänderliche und sichere Natur-Prozess, welcher unaufhaltsam wirkt und seine lebenslange Gewohnheit des Verhaftetseins an den Körper, beschäftigt sein ganzes Denken, während Verwandte, Freunde, Ärzte und Priester hilflos und verzweifelt dabeistehen.

Hier ist uns die Wissenschaft des Para Vidya eine große Hilfe. Das Zurückziehen der Seele vom Körper wird sehr erleichtert und der Meister erscheint, um uns zu empfangen und uns in die höheren Regionen zu führen.

Der Tod wird zum glücklichsten Ereignis und wie bei einer Hochzeit bringt er die Vereinigung mit dem Geliebten. Wir hatten diese Ebenen bereits vorher besucht und uns von deren Vorrang überzeugt und durchqueren nun die vertrauten Regionen ohne Furcht.

Mein Meister, Hazur Baba Sawan Singh Ji, pflegte Seinen Schülern die Notwendigkeit der Spirituellen Praktiken einzuprägen, indem Er sagte:

Geht hin und seht wie ein Schüler stirbt, dann seid ihr überzeugt!

Die Meister-Heiligen glauben an die Erlösung während der Lebenszeit, nicht an die Erlösung nach dem Tod. Es ist wirklich eine einfache und leichte Wissenschaft.

Der Schüler sollte sich niemals mit seiner Initiation ohne eine Spirituelle Erfahrung zufrieden geben!

Den Praktiken soll eine regelmäßige Zeit gewidmet sein und der Meister soll laufend über den Fortschritt des Schülers informiert werden. Er soll beständig die Führung seines Meisters suchen, persönlich oder schriftlich, ohne zu denken, dass er Ihn belästigt. Der Meister weiß, wie es jedem Schüler geht und Er kann die meisten seiner Schwierigkeiten durch Gedankenübertragung oder andere Mittel beseitigen – aber Er wünscht, dass Ihm die Schwierigkeiten und der Fortschritt schriftlich oder mündlich unterbreitet werden.

Dieser uralte Pfad des Surat-Shabd-Yoga oder Para Vidya ist einer, der von Männern, Frauen und Kindern jeden Alters ohne irgendeine Schwierigkeit beschritten werden kann – ungleich anderen Wegen, die komplizierte, anstrengende Übungen und die Kontrolle des Atems, Atem-Übungen in sich schließen, die nur zu geringer Beherrschung des niederen Selbst und zu ein paar armseligen Fähigkeiten führen. Die letztgenannten Methoden erfordern auch eine starke Konstitution und eine reichhaltige Nahrung und werden von den Meistern als für dieses Zeitalter ungeeignet und auch gefährlich abgelehnt.